Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Ideenaustausch zum Thema Leben in Finnland.
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Engelbert
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Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Engelbert » Sa Nov 04, 2006 5:28 pm

ich habe nun versucht die einzelnen Topics mehr oder weniger zu lesen, wobei ich schon viele interessante Informationen gefunden habe. In einigen Topics bin ich immer wieder auch auf negative Meinungen genüber Finnland oder den Finnen gestossen. Nicht immer direkt negativ, aber doch oft kitisierend, manchmal auch ein "bischen" überheblich bevormundent (Entschuldigung, wenn ich das so ausdrücke, es sich soll sich bitte keiner persönlich angegriffen fühlen). Also wir sind doch in einem "Gastland" und in meinen Augen muß ich mich anpassen, bzw. mindestens die Gegebenheiten hier akzeptieren (das verlangen doch die Deutschen immer wieder von den Ausländern). Selbstverständlich gibt es immer und überall etwas zu kritisieren.

Ich persönlich wundere :x mich immer wieder über die finnischen Autofahrer: im Sommer immer 5 - 10 km langsamer als die zugelassene Geschwindigkeit und im Winter immer 5-10 km schneller (weil endlich Schnee und mit Spikes kann man wie auf den Sandwegen fahren, der Rallyfahrer kommt endlich raus) 8)

Und das mit dem Zebrastreifen, das ist doch bei der Verkehrsdichte hier kein Problem, als Fußgänger habe ich fast keine Wartezeit, als Autofahrer muß ich bremsen, anhalten, wieder anfahren und an Kreuzungen oder da wo viel Verkehr ist, stehen doch Ampeln.

Ich kenne Finnland nun schon seit über 15 Jahren und kenne es trotzdem noch nicht. Ich bin seit 10 Jahren mit einer Finnin verheiratet und kenne trotzdem die Finnen noch nicht und ich will meinen Lebenabend hier verbringen, denn die positiven Dinge gegenüber DE überwiegen hier eindeutig.

Was mich wirklich stört sind die Preise hier, gerade für alltägliche Artikel, es gibt natürlich auch Sonderangebote und hier muß man auf "Ale" warten können. Aber ich brauchte gestern eine Nüsterklemmleite, 7 EUR in DE im Baumarkt 1,5 EUR !!!

Also mich würde nun interessieren was stört euch, die ihr nun schon länger hier wohnt, wirklich.

Der nächste Negativschock kommt dann nächte Woche "Winterreifen kaufen"

Georg

Beitragvon Georg » Sa Nov 04, 2006 9:20 pm

Ärgerlich ist der Moment, wenn das finnische Den-anderen-sein-lassen in völlige Gleichgültigkeit umschlägt, z.B. wenn ein Ehepaar um die 50 einem direkt vor der Nase die Ladentür zufallen lässt, wenn man mit Kinderwagen und zwei Kindern genau durch diese Tür durch will.

Das Vertrauen gegenüber Parlament und Regierung - so groß die Vorteile dessen auch sind gegenüber der Dauernörgelei und Besserwisserei vieler deutscher "mündiger" Bürger - schlägt bisweilen um in eine höchst störenden Blauäugigkeit, wie sie am allerbesten unter Kekkonen zu bewundern war.

Interessant ist in der Tat auch der Straßenverkehr - nach meiner Beobachtung gibt es zwei große und eine kleine Gruppe von Autofahrern. Die erste große Gruppe rast wie die Bekloppten. Die zweite fährt prinzipiell 10 km/h langsamer als erlaubt. Die dritte und kleinste Gruppe besteht aus denjenigen, die einigermassen normal fahren. Extrem nervend finde ich in Finnland die Taxifahrer, die so wichtig sind, dass sie offentlich glauben, selbst vor einem Rettungswagen auf Einsatzfahrt Vorfahrt zu haben.

Sanna B.
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Re: Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Sanna B. » So Nov 05, 2006 12:28 am

Engelbert hat geschrieben:Also wir sind doch in einem "Gastland" und in meinen Augen muß ich mich anpassen, bzw. mindestens die Gegebenheiten hier akzeptieren (das verlangen doch die Deutschen immer wieder von den Ausländern). Selbstverständlich gibt es immer und überall etwas zu kritisieren.

Es sind aber nicht alle hier in einem Gastland... 8)
Daß man sich anpaßt, heißt für meine Begriffe nicht, alles über sich ergehen zu lassen, ohne sich zu wehren oder wenigstens sich darüber auszulassen, wenn man sich schon nicht wehren oder etwas ändern kann.
Es ist nicht gesund, Ärger in sich reinzufressen :wink: Also raus damit!

Engelbert hat geschrieben:Und das mit dem Zebrastreifen, das ist doch bei der Verkehrsdichte hier kein Problem, als Fußgänger habe ich fast keine Wartezeit, als Autofahrer muß ich bremsen, anhalten, wieder anfahren und an Kreuzungen oder da wo viel Verkehr ist, stehen doch Ampeln.

Du hast eindeutig zu lange Zeit in Finnland verbracht :wink:
So geht's hier ja mit der Wichtigkeit im Straßenverkehr, Autofahrer kommen immer zuerst... Macht mich rasend vor Wut.
Ist Dir je in den Sinn gekommen, daß man "beim bremsen, anhalten, wieder anfahren" sitzt, statt steht? Daß die Einkäufe im Kofferraum sind, statt in den Tüten an den bereits taubgewordenen Armen? Daß es im Auto selten windet/regnet/schneit/eiskalt ist - wie auf der Straße?

Ich persönlich finde es unglaublich arrogant jemanden sein Recht abzusprechen, nur weil es "doch nur um eine Kleinigkeit geht". Hyi sinua.

PS: gehöre zu den Autofahrern. Und ich bremse, immer. Und hoffe jedesmal, daß ein Autofahrer wie Du, hinter mir stehen bleiben muß.
PPS: ja, das war gemein. War auch so gemeint.

Sid
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Re: Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Sid » So Nov 05, 2006 12:50 am

Sanna B. hat geschrieben:Es ist nicht gesund, Ärger in sich reinzufressen :wink: Also raus damit!


Absolut gesunde Einstellung Sanna :) Es ist sicher typabhängig, manche brauchen die Verdrängung, manche müssen es rauslassen. Wieso sollte man alles unkritisch hinnehmen und sich bevormunden lassen?
Meine Meinungen haben übrigens auch schon desöfteren missfallen. Aber ich habe nicht vor, sie deswegen zu ändern. :lol:

Nochmal zusammengefasst (auch wenn ich hier der Liebe, der Natur, des tollen Zuhause wegen bleibe), macht mich folgendes rasend:

:arrow: Diskriminierung auf dem Jobmarkt, vor allem in höheren Positionen sowie lächerliche Gehälter
:arrow: Hörigkeit den Politikern, Alkoholpolitik und alkoholisierte Mitbürger
:arrow: Auto als Luxus, lahmar... Fahrer, Autofahrer mit Scheuklappen (vor allem am Zebrastreifen)
:arrow: keine eindeutige Rechtsprechung
:arrow: pseudo-kostenlose Gesundheitsvorsorge und die Wartezeiten
:arrow: nicht-existenter Kundenservice, vor allem in Restaurants
:arrow: schmuddlige Hotels
:arrow: die eisige Schicht bei neuen Kontakten, sowie Manieren der Masse (keine Begrüssung, keine kleinen Freundlichkeiten, nebeneinander Leben)
:arrow: gelegentlich: aufgewärmter Hass gegenüber Deutschen

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Engelbert
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Re: Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Engelbert » So Nov 05, 2006 11:51 am

Es sind aber nicht alle hier in einem Gastland... 8)

ich dachte da natürlich an 'Deutsche in Finnland.

Du hast eindeutig zu lange Zeit in Finnland verbracht :wink:

Meine persönliche Anwesenheit in FIN war bisher eher kurz, aber öfter und dann sieht man Land und Leute halt als Tourist, aber nun geht es in die permanente Zeitspanne und die wird sicherlich anders

PS: gehöre zu den Autofahrern. Und ich bremse, immer. Und hoffe jedesmal, daß ein Autofahrer wie Du, hinter mir stehen bleiben muß.
PPS: ja, das war gemein. War auch so gemeint.


Das muß ich aber näher erklären:
ich persönlich halte auch am Zebrastreifen, nur wenn ich zu Fuß unterwegs bin habe ich kein Problem damit zu warten, ich habe ja auch keinen Kinderwagen. Deinen Ärger kann ich natürlich verstehen.

Was ich aber auch merkwürdig und nervig finde ist die Vorfahrtsregelung, die manchmal auf einer "Hauptstraße" auf rechts vor links ändert.

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Engelbert
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Re: Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Engelbert » So Nov 05, 2006 12:00 pm

Sid hat geschrieben:1 :arrow: keine eindeutige Rechtsprechung
2 :arrow: gelegentlich: aufgewärmter Hass gegenüber Deutschen

hast du dazu Beispiele?
mit 1 bin ich noch in in Konflikt gekommen, aber das geht manchmal schneller als man denkt. Gibt es Rechtsschutzversicherungen?

mit 2 habe ich noch keine negativen Erfahrungen gehabt

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Beitragvon Sid » So Nov 05, 2006 12:14 pm

Ich hatte bei Nr. 2 zwar nur ein Beispiel, das mir leider aber für das nächste Jahrtausend reicht :( . Möchte aber dazu öffentlich keine Details geben.

Rechtsprechung für jedemann: ich finde Ämter wie Kela haben zu viel Ermessensspielraum, so dass alle parieren müssen. Bei einer Angelegenheit gibt es x Lösungen, was sie gerade von jemanden verlangen, was sie ablehnen oder bewilligen. In Deutschland sind die Regeln steifer (kann auch nachteilig sein), aber man weiss woran man ist.

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Re: Bei aller Liebe, aber es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon Sandra » So Nov 05, 2006 6:17 pm

Sid hat geschrieben:
Sanna B. hat geschrieben::arrow: die eisige Schicht bei neuen Kontakten, sowie Manieren der Masse (keine Begrüssung, keine kleinen Freundlichkeiten, nebeneinander Leben)


Das ist mir auch schon aufgefallen, aber da geh ich mit gutem beispiel voran: muttis mit kinderwagen die treppe runterhelfen, aus dem bus raushelfen, der omi im bus den platz anbieten, den nachbarn anlächeln und hallo sagen. anfangs bin ich noch belächelt worden, aber inzwischen grüssen alle freudig zurück.

allerdings, "eisige Schicht bei neuen Kontakten", wohl wahr. manche im freundeskreis tauen - auch wenn man finnisch mit ihnen spricht - erst auf, wenn 1 flasche kossu leer ist. wobei wir damit wieder beim thema alk sind...
:evil:

ansonsten würde ich nicht sagen, man sollte/müsste sich anpassen, ich würde eher sagen, man sollte sich versuchen, in die gesellschaft zu integrieren...

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Beitragvon Antje » Mo Nov 06, 2006 9:36 pm

Georg hat geschrieben:Ärgerlich ist der Moment, wenn das finnische Den-anderen-sein-lassen in völlige Gleichgültigkeit umschlägt, z.B. wenn ein Ehepaar um die 50 einem direkt vor der Nase die Ladentür zufallen lässt, wenn man mit Kinderwagen und zwei Kindern genau durch diese Tür durch will.



Kann ich nur bestätigen! :evil: Manchmal frage ich mich, ob die Leute auch mal um sich herum schauen und andere sehen.
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Beitragvon Sid » Mo Nov 06, 2006 9:44 pm

Nein, tun sie nicht, denn sie brauchen Platz. Ich raste in der Schwimmhalle regelmässig aus. Nach der Schwimmaerobicstunde dackeln alle zu der Beckenleiter und gehen hintereinander hoch. Die Vorgängerin ist fast dabei Kinnhaken mit der Ferse zu verteilen, denn sie merken nicht, dass viele aus dem Wasser raus wollen. Bei mir ist es instinktiv, entweder schaue ich nach hinten oder versuche möglichst "flach" die Leiter hoch zu kraxeln. Aber ansonsten war es oft eng und die Zahnarzkosten hoch :roll:

Auch ohne Kinderwagen sind zufallende Türen sowie Anrempeln nervig und unerzogen.

In der Firma (viele grosse Firmen unter einem Dach, meinstens SW-Ingenieure). Meine Kolleginnen haben nicht schlecht gestaunt, wenn unbekannte Ingenieure mir/uns Vortritt lassen, Tür aufhalten, Aufzug nochmal aufmachen. Ich glaube meine bösen Blicke :twisted: haben sie gelehrt. Eigentlich sind alle ganz nett und zivilisiert, wenn sie's wollen :)

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es gibt auch etwas zu kritisieren

Beitragvon scoop » Mo Nov 06, 2006 10:46 pm

Nun ja, alles ein wenig grob gewebt in Finnland. Höflichkeit, Fein- und Taktgefühl, bleiben oft nebulös im Verborgenen. Knigge unter Quarantäne.
Sollte man respektieren und akzeptieren. Andere Länder, andere Sitten.

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Beitragvon Sid » Mo Nov 06, 2006 11:03 pm

Ich hab letzte Woche an einem Finnisch-Knigge Kurs teilgenommen. Was war das lustig :lol: Ist doch prima so, aber selbst will ich nicht so werden :P

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Beitragvon roelli » Mo Nov 06, 2006 11:25 pm

Sid hat geschrieben:In der Firma (viele grosse Firmen unter einem Dach, meinstens SW-Ingenieure). Meine Kolleginnen haben nicht schlecht gestaunt, wenn unbekannte Ingenieure mir/uns Vortritt lassen, Tür aufhalten, Aufzug nochmal aufmachen. Ich glaube meine bösen Blicke :twisted: haben sie gelehrt. Eigentlich sind alle ganz nett und zivilisiert, wenn sie's wollen :)



Das hat m.E. auch mit der Tasa-arvo Manie zutun, die man hier mancher Orten antrift, da öffnet eben jeder auch seine Tür selber. :wink:

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Beitragvon Sid » Mo Nov 06, 2006 11:41 pm

roelli, das stimmt - ist mir auch geläufig. Eine blutende Nase aber dann doch lieber nicht ;)

Beim Stichwort tasaarvo (oder vermeintlich tasa-arvo) wären mir die Gehälter lieber als zugeklatsche Türen.

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roelli
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Beitragvon roelli » Di Nov 07, 2006 9:40 pm

Sid hat geschrieben:Beim Stichwort tasaarvo (oder vermeintlich tasa-arvo) wären mir die Gehälter lieber als zugeklatsche Türen.


Da muss man sich wahrscheinlich zwischen Gehältern und zugeklatschten Türen entscheiden!Beidesgehtwahrscheinlich nicht!
Sonst finden sich bestimmt Leser die das Thema in den Thread: Was wir von den Finnen lernen können verschieben würden. :wink:


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