Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Ideenaustausch zum Thema Leben in Finnland.
silversurfer

Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon silversurfer » Fr Jul 22, 2016 6:17 pm

Der Schuldige für die derzeitige finnische Wirtschaftskrise ist seit langem bekannt:

es ist: APPLE !!

Das hat bereits im Jahr 2014 der damalige finnische Premierminister, Alexander Stubb, eindeutig und unmissverständlich der restlichen Welt verkündet:
http://www.cnbc.com/2014/10/13/how-appl ... grade.html

Vernichtet also Eure iPhones, iPads usw. und kauft wieder heimische Produkte (kann aber schwer werden, da Nokia vom Markt verschwunden ist).

Wer kennt noch weitere Verschwörungstheorien als Grund?

MichaelR.
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Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon MichaelR. » Sa Jul 23, 2016 12:58 pm

omg, mal wieder ein Beispiel für den "Stil" der gängigen großen Mainstream-Medien.

Stubb sagte:

"A little bit paradoxically I guess one could say that the iPhone killed Nokia and the iPad killed the Finnish paper industry, but we'll make a comeback."

Da wurde doch niemand geblamed, beschuldigt oder sonstwas? Was da wieder von Reportern reinintepretiert wird:

"Finland's prime minister suggested on Monday that Apple could be to blame..."

Er sagt einfach nur das das iPhone und iPad die gekillled hat. Nirgends steht, das Apple deswegen irgendeine Schuld hat noch das Apple beschuldigt werden muss.

Regen killt auch meine Strandtage.
Die Miete für meine Wohnung killt auch mein Konto
Der Wecker killt auch regelmäßig meinen Schlaf

Aber deswegen beschuldige ich doch Regen, Miete und meinen Wecker nicht? :D Hauptsache überall was reinintepretieren..


Ich würde das nicht als Verschwörungstherie sondern einfach nur als typische, hetzerischen Artikel der Mainstream-Medien einstufen, die wohl somit zwanghaft versuchen, durch klick-bait wenigstens noch etwas traffic abzubekommen.

Den das Internet hat ja schließlich auch viele große Zeitungen und Nachrichten-Magazine gekillt und wenn man sich deren Niveau anhand solcher reißerischen Artikel ansieht, können die "etablierten" Zeitungen gar nicht schnell genug pleite gehen...

silversurfer

Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon silversurfer » Mo Jul 25, 2016 2:08 pm

Und der nächste Schuldige ist gefunden:

".. zu hohe Lohnkosten, zu viel Bürokratismus und ein zu stark regulierter Arbeitsmarkt.."
Sagt zumindest ein Sonderbericht des ehemaligen schwedischen Finanzministers (von 2006 bis 2014) Anders Borg aus dem Jahr 2015.

Speziell bei den Lohnkosten habe ich so meine Zweifel.
Denn z.B. Nokia hat ja die Mobiltelefone nicht in Finnland, sondern in Niedriglohnländern zusammenschrauben lassen und vermutlich nicht über dem dort üblichen niedrigen Lohnniveau vergütet.
Jeder weiss es, aber keiner spricht es so gerne aus: Nokia hat eben über gravierende Managementfehler die Entwicklung hin zum Smarthone verschlafen und ist auf diesem Sektor jetzt endgültig vom Markt.

Und wenn es einen weltweiten Strukturwandel in der Papierindustrie gibt, dann könnten die Finnen mit landeseigenen Niedriglöhnen nicht dagegenhalten, um diesen Wandel zu verhindern.

Aber wer bin ich denn schon um das anzuzweifeln?
Denn Anders Borg weiss es und er weiss es auch besser, denn er war ja immerhin der schwedischer Finanzminister, welcher einer der Verantwortlichen der "neoliberalen Wende mit Eindämmung des Wohlfartsstaates" war.

MichaelR.
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Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon MichaelR. » Mo Jul 25, 2016 8:16 pm

silversurfer hat geschrieben:
"[..] zu viel Bürokratismus und ein zu stark regulierter Arbeitsmarkt.."
Sagt zumindest ein Sonderbericht des ehemaligen schwedischen Finanzministers (von 2006 bis 2014) Anders Borg aus dem Jahr 2015.


Da stimme ich zu, wobei das natürlich nicht nur in Finnland so ist. Andere Länder haben das natürlich auch, allerdings geht es denen teilweise besser.

MichaelR.
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Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon MichaelR. » Fr Jul 29, 2016 1:14 pm

..soeben woanders hier gepostet, aber hier passt auch.

Ich mach mal eine neue Theorie auf:

Nach jedem Boom folgt eine Krise, nach jeder Krise aber auch der Boom. In der Regel sind diese "Schweinezyklen" ja immer 7-8 Jahre. Wenn man sich die Geschichte der (Welt)wirtschaft ansieht, gibt es überraschend wenige Abweichungen von dieser "Statistik".

Finnland ist ja schon seit 2009 auch im Krisen-Zyklus nach dem Boom-Zyklus zwischen 2000-2008. Finnland sollte daher allmählich am Ende der Krise ankommen und in einen leichten Boom übergehen. Kleine Anzeichen gibt es ja jetzt schon, an der Börse merkt man das ja auch schon seit 2012 und das Wirtschaftswachstum ist ja seit 2015 auch langsam wieder leicht positiv.

Das heißt die nächsten 7-8 Jahre könnten wieder Boomjahre werden und um ca. 2024 haben wir wahrscheinlich wieder eine Krise.

Fazit: Schuld ist keiner, Finnland ist genauso wie jedes andere Land dem Schweinezyklus unterworfen, den man sich nur in Ausnahmefällen entziehen kann.

Das ist die ganz normale Wirtschaft, what goes up must come down again.. but will eventually go up again...

Aber natürlich will der Mensch immer eine Erklärung dazu bzw. sogar einen Schuldigen ausmachen. Und da sind die Finnen im Gründe (er)finden genauso gut wie auch ihre deutschen Nachbarn und viele andere Länder auf dieser Welt :)

silversurfer

Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon silversurfer » Fr Aug 05, 2016 12:38 am

Nach jedem Boom folgt eine Krise, nach jeder Krise aber auch der Boom. In der Regel sind diese "Schweinezyklen" ja immer 7-8 Jahre.

Dazu ein eindeutiges "es kommt darauf an".
Der "Schweinezyklus" repräsentiert lediglich das Prinzip der Marktreaktion auf Angebot und Nachfrage.

1. Schritt: Nachfrage ist vorhanden / gleichwertiges Angebot fehlt = Markt schafft Angebot, aber Überangebot entsteht, da zu viele Anbieter
2. Schritt: Überangebot ist vorhanden / gleichwertige Nachfrage fehlt = Markt entfernt Anbieter, Angebot sinkt dadurch
und wieder zurück auf 1. Schritt

Das funktioniert aber nur dann, wenn das Angebot nach dem 2. Schritt noch zeitgemäss ist, damit Nachfrage entstehen kann.
Beliebtes Beispiel:
Es fehlen Ingenieure => wegen guter Berufsausichten studieren mehr als sonst Ingenieurwissenschaften => Überangebot entsteht und die Berufsaussichten verschlechern sich dadurch => es entsteht erneuter Mangel an Ingenieuren usw.
Anderes Beispiel:
Der Beruf des "Schriftsetzers" hatte gute Berufsaussichten => technische Entwicklung hat ihn überflüssig gemacht, Nachfrage geht gegen Null.
Michael, wende hier mal den "Schweinezyklus" an.

Und mein Lieblingsbeispiel "Nokia" :
Das erste mobile Telefon baute Motorola in 1983, Nachfrage entstand und mehrere Anbieter bauten Mobiltelefone
1996 entwickelte NOKIA ein mobiles Telefon (Nokia 9000 Communicator) mit Email- und Faxversand sowie Internetzugriff per Web-Browser.
Das war trotzdem noch ein "nur-Telefon" mit Zusatznutzen, aber ein wesentlicher Schritt, um Marktführer zu werden.
2007 entwickelte APPLE das erste iPhone mit IOS-Betriebssystem und konzipierte damit das Smartphone als Verbindung von mobilem Telefon mit mobilem Computer.
2008 zog GOOGLE mit dem frei verfügbaren Android-Betriebssystem nach, welches unterschiedliche Anbieter für Ihre Smartphones verwenden.
Ebenfalls 2008 entwickelte Nokia mit "Symbian" ein eigenes Betriebssystem, das sich aber am Markt nicht durchsetzen konnte (zu inkompatibel), stellte es 2011 wieder ein und setzte auf Windows Mobile. Das war aber leider der nächste Betriebssystem-Flop für mobile Geräte.
=> Nokia ist vom Smartphone-Markt so gut wie verschwunden und kämpft jetzt als Anbieter von Netzwerken mit dem Konkurrenzprodukt "LTE".

"Schweinezyklus"? Ja, aber im umgekehrten Sinn.

MichaelR.
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Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon MichaelR. » Sa Aug 20, 2016 1:24 am

Du hast absolut Recht wenn du einzelne Firmen dir raussuchst, die sich aufgrund anderer Umstände von diesen Zyklen entkoppelt hatten.

Mit den (leider) nicht als wahr herausstellenden Prognosen zu Nokia und deren schlechte Auswirkungen auf Nokia, die du ja richtig aufgeführt hast, suchst du dir natürlich einen Extremfall raus. Natürlich (hat) zugegebenermassen Nokia auch vergleichsweiße stark die finnische Wirtschaft beeinflusst....

Aber nehmen wir mal den den Schriftsetzer oder der Programmierer. Denen ist der Schweinezyklus (nahezu) egal, da

Veränderungen im eigenen Marktumfeld Markt >> Veränderungen Volkswirtschaft

sind. Trotzdem treffen die Veränderungen Volkswirtschaft auf die meisten statistisch zu, Ausreißer wie Nokia oder den Programmierer ausgenommen.

Was du beim raussuchen einzelner Firmen machst ist ja quasi wie Stockpicking. Der DAX oder S+P 500 verändert sich in Zeitraum X um den Wert Y. Das ist der "Schnitt" quer über die (Groß)Wirtschaft eines Landes der im Schnitt auf die meisten der im DAX oder S+P 500 vertretenden Firmena auch zutrifft.. Natürlich kannst du immer einzelne Firmen rauspicken, die sich anders als Y verändern und auf die das nicht zutrifft :wink:

silversurfer

Re: Schuld an der finnischen Wirtschaftskrise ist ....

Beitragvon silversurfer » Sa Aug 20, 2016 8:34 pm

suchst du dir natürlich einen Extremfall raus.

Das ist richtig erkannt.
Beispiele sind am Besten an Extremfällen festzumachen, so habe ich es gelernt und praktiziere es in meinen Vorträgen und Schulungen. Denn das bleibt den Teilnehmern zuverlässig im Gedächtnis.

Was du beim raussuchen einzelner Firmen machst ist ja quasi wie Stockpickin

Machs nicht so kompliziert, das sind die im äusseren Grenzwert liegenden Parameter der Gaussschen Normalverteilung.
Deshalb hast Du natürlich recht wenn Du meine These in diesem Punkt hier korrigierst. Die Beispiele sind nicht typisch, sondern - wie korrekt erkannt - beispielhafte Extreme.

Die finnische Wirtschaft leidet ja extrem unter den Russland-Restriktionen der EU.
in einem anderen Thread bin ich bereits darauf eingegangen, dass eines der finnischen Probleme die Abhängigkeit und der Wegfall von einem wesentlichen Handeslspartner ist.

Vergleichbar ist das mit der Situation, die VW derzeit hat und die rd. 20.000 (!!) Beschäftigten enorme Probleme bereitet:
http://www.handelsblatt.com/unternehmen ... 30828.html
Für ein Teil gibt es nur 1 (einen) Zulieferer => der Zulieferer fällt aus (bzw. in diesem Fall liefert nicht mehr) => die Produktion steht still => rd. 20.000 Beschäftigte sind plötzlich Unbeschäftigte (Überstundenabbau, Urlaub, Kurzarbeit)

Oder anders geschildert:

Es gibt einen wesentlichen Handeslpartner für Exporte => Exporte sind nicht mehr genehmigt und einem speziellen ausländischen Klientel fehlt wegen einer enormen Rubelabwertung das Geld für Finnlandbesuche und -einkäufe => Exportgüter gehen auf Halde bzw. werden nicht mehr produziert, Geschäfte für spezielle Kunden machen keinen Umsatz mehr => Abbau von Arbeitsplätzen


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